I-Glied: Integrierende Strecke ohne Ausgleich

Die Strecke, die von selbst nie zur Ruhe kommt

Sprungantwort
h(t) = Ki · t

Eine Rampe statt einer Kurve: Die Ausgangsgröße läuft weiter, solange am Eingang etwas anliegt. Einen Endwert gibt es nicht.

Übertragungsfunktion und Kennwerte

y(t) = K_i · ∫ u(t) dt
G(s) = K_i / s = 1 / (T_i · s)
h(t) = K_i · t

K_i = Integrierbeiwert [1/s]
T_i = 1/K_i = Integrierzeit: Zeit, in der der Ausgang bei u = 1 um 1 steigt

Phase konstant −90°, Amplitude fällt mit −20 dB je Dekade. Die konstante Phasendrehung ist der Grund, warum ein Integrator im Kreis wertvolle Stabilitätsreserve kostet — egal bei welcher Frequenz.

Strecken mit und ohne Ausgleich

MerkmalStrecke mit Ausgleich (PTn)Strecke ohne Ausgleich (I)
Sprungantwortläuft auf einen Endwert zusteigt unbegrenzt als Rampe
Streckenverstärkung Ksendlich, ablesbarnicht definiert
KennwerteTu, Tg, KsKi beziehungsweise Ti
Reglermeist PI oder PIDoft reiner P- oder PD-Regler ausreichend
Bleibende Abweichung mit P-Reglervorhandenkeine — der Integrator der Strecke beseitigt sie
Verhalten ohne Reglerstabil, findet einen Ruhepunktläuft weg, bis ein Anschlag kommt

Typische integrierende Strecken

BeispielEingangAusgang
Behälter mit Pumpe im AblaufZulaufventilFüllstand
PositionierantriebDrehzahl beziehungsweise GeschwindigkeitPosition
Hydraulikzylinder am WegeventilVolumenstromKolbenweg
Werkstückerwärmung ohne WärmeabgabeHeizleistungTemperatur
BatterieladungLadestromLadezustand

Erkennungsmerkmal ist immer dasselbe: Der Ausgang bleibt nur stehen, wenn der Eingang genau null ist. Ein Zwischenwert des Eingangs führt nie zu einem Zwischenwert des Ausgangs, sondern zu einer Bewegung.

Warum integrierende Strecken anders geregelt werden

Eine Strecke ohne Ausgleich hat keinen Ruhepunkt außer der Null am Eingang. Ein halb geöffnetes Zulaufventil führt nicht zu einem mittleren Füllstand, sondern zu einem steigenden — bis der Behälter überläuft. Das klingt nach einem schwierigeren Fall als eine Strecke mit Ausgleich, ist regelungstechnisch aber in einer Hinsicht einfacher.

Denn der Integrator der Strecke leistet genau das, wofür man sonst den I-Anteil des Reglers braucht: Er beseitigt die bleibende Regelabweichung. Ein reiner P-Regler an einer I-Strecke erreicht den Sollwert exakt, weil die Stellgröße nicht den Istwert bestimmt, sondern seine Änderungsgeschwindigkeit — und die muss am Ziel eben null sein.

Ein zusätzlicher I-Anteil im Regler ist hier deshalb nicht nur überflüssig, sondern gefährlich. Zwei Integratoren im Kreis drehen die Phase um 180 Grad, und damit ist die Stabilitätsgrenze bereits erreicht, bevor irgendeine Verzögerung dazukommt. Solche Kreise neigen zu Schwingungen, die sich mit den üblichen Einstellregeln nicht wegbekommen lassen.

Auch die gängigen Einstellregeln versagen: Ziegler-Nichols und Chien-Hrones-Reswick verlangen Tu, Tg und Ks — Kennwerte, die eine Rampe gar nicht hat. Für integrierende Strecken gibt es eigene Regeln, oder man geht direkt über den Schwingversuch im geschlossenen Kreis.

Häufige Fragen

Was ist eine Strecke ohne Ausgleich?

Eine Strecke, deren Sprungantwort keinen Endwert erreicht, sondern als Rampe weiterläuft — ein Füllstand mit konstantem Zulauf, eine Position bei konstanter Geschwindigkeit. Sie hat keine Streckenverstärkung Ks, sondern einen Integrierbeiwert Ki, und sie kommt nur zur Ruhe, wenn die Stellgröße genau null ist.

Warum braucht eine I-Strecke keinen I-Anteil im Regler?

Weil der Integrator der Strecke die Aufgabe bereits übernimmt: Die Stellgröße bestimmt nicht den Istwert, sondern seine Änderungsgeschwindigkeit, und die ist am Ziel null. Ein P-Regler erreicht den Sollwert deshalb ohne bleibende Abweichung. Ein zusätzlicher I-Anteil bringt einen zweiten Integrator in den Kreis und kostet 90 Grad Phase, was schnell zu Schwingungen führt.

Was ist der Unterschied zwischen Ki und Ti?

Ti = 1/Ki. Der Integrierbeiwert Ki gibt an, wie schnell der Ausgang bei Eingang 1 steigt; die Integrierzeit Ti ist die Zeit, die der Ausgang dabei braucht, um sich um 1 zu ändern. Beide beschreiben dasselbe Glied, je nach Quelle wird die eine oder die andere Größe angegeben.

Kann ich Ziegler-Nichols auf eine I-Strecke anwenden?

Die Streckenvariante nicht, denn Tu, Tg und Ks existieren bei einer Rampe nicht. Der Schwingversuch im geschlossenen Kreis ist grundsätzlich anwendbar, liefert für integrierende Strecken aber oft zu aggressive Werte. Sinnvoller sind Einstellregeln, die eigens für Strecken ohne Ausgleich aufgestellt wurden.

Alle Themen der Regelungstechnik

Einstellregeln
Ziegler-Nichols Chien-Hrones-Reswick T-Summen-Regel
Reglertypen
P-Regler PI-Regler PD-Regler PID-Regler
Streckenglieder
PT1-Glied PT2-Glied I-Glied Totzeit
Kennwerte
Sprungantwort

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